Gi-Gack
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Ein Luder, das Verona und Naddel in den Schatten stellt

Gänsegretelverein feiert seit 175 Jahren mit Gi-Gack und Gesang die untreue Gänsemagd und die daraus resultierende Männerfreundschaft

Sie muss schon ein tolles Weib gewesen sein, diese Erbacher Gänsemagd Gretel, nach heutigem Sprachgebrauch allerdings auch ein Luder. FĂĽnf miteinander befreundete Erbacher Burschen, Nick, Franz, Hannes, Peter und “de Weih”, verliebten  sich gleichzeitig in das “prächtig vollschlanke Mägdelein”. Dieses allerdings trieb mit ihnen ihr Spielchen, machte auch allen FĂĽnfen Hoffnungen, ohne es mit der Liebe wirklich ernst zu meinen – und verschaffte sich dadurch einen ungeheuren Bekanntheitsgrad, ähnlich wie die derzeit aktuellen Luder namens Verona, Jenny, Ariane oder Naddel.
Am 2. Januar 2002 jährte sich zum 175. Mal der Tag, an dem die Jungs das hinterlistige Spiel ihrer Traumfrau durchschauten. Sicherlich gerieten sich die Herren damals fĂĽrchterlich in die Haare – Details sind leider nicht ĂĽberliefert – aber sie vertrugen sich auch wieder. Die Gänsemagd Gretel wurde mit ihrem Federvieh glĂĽcklich, den Herren blieb ihre Männerfreundschaft. Diese wurde am Abend des 2. Januar im Gasthaus “Zum Eck” mit Gerstensaft und Gänseschlegel zĂĽnftig gefeiert, und so geschieht es auch heute noch. Denn: Jener Abend vor 175 Jahren gilt als GrĂĽndung des Erbacher Gänsegretelvereins.
Die fĂĽnf Erbacher Burschen haben im Laufe der Jahre jede Menge Nachfolger gefunden, die der Gänsegretel huldigen, ohne  von ihr persönlich veräppelt worden zu sein. Traurige Liebeserfahrungen sind auch keine Voraussetzung fĂĽr eine Mitgliedschaft in dem ehrenwerten Verein. Die meisten der  Mitglieder – die Ganserte, wie sie sich selbst nennen - sind verheiratet, viele sogar glĂĽcklich. Gemeinsam haben die Ganserte ihre Heimatstadt Erbach, lediglich ein gebĂĽrtiger Erbacher wohnt in Michelstadt.
Am Anfang des nicht eingetragenen Vereins bestand dieser ĂĽberwiegend aus Bewohner der Viertels rund ums “Eck”, später kamen  Handwerker und Geschäftsleute hinzu. Auch gräfliche Gansterte gab es in all den Jahren, derzeit gackern sogar drei Schlossbewohner mit. Wie lange die Einzelnen schon dabei sind, versuchte Vizeganstert Hans Wendel zu recherchieren, erhielt als  Antwort jedoch meist ein mit Achselzucken verbundenes “Oah!” – also meist schon sehr lange. Das Alter der Ganserte reicht derzeit von 19 bis 80 Jahre.
Gemeinsam betreiben sie das Vereinsleben, das alljährlich am 2. Januar seinen  Höhepunkt erlebt. An diesem Abend ziehen die Ganserte in weiĂźen Kutten mit einer Gänsefeder im Haar (sofern noch vorhanden, ansonsten wird die Feder angeklebt) mit lauten Gesängen und Gi-Ga-Ga-Gack-Gegacker durch den Schlossgraben, ĂĽber den Marktplatz, drei Mal um Graf Franz, durch das Städel zum Badbrunnen, wo das  steinerne Abbild des Gänsegretel-Luders steht und zurĂĽck in ihren mit Stroh ausgelegten Gänsestall im “Eck”. Die Geschehnisse der folgenden drei Stunden  blieben der Ă–ffentlichkeit bislang vorenthalten. “Ein dickes Liederheft muss abgesungen werden, damit haben wir den ganzen Abend zu tun”, erklären die Ganserte. Und “DZB” betrieben sie, “Dumm Zeug babbeln”. Fremde oder gar Frauen dĂĽrfen den Stall nicht betreten. DafĂĽr sorgt als Zerberus der Zuchtgansert – was dieser mit eventuell eindringenden Frauen anstellen wĂĽrde, hat noch niemand ausprobiert.
Geleitet wird der Verein vom Obergansert, derzeit vom Formengansert JĂĽrgen Volk. Seine Vizegansert Hans Wendel trägt den Beinamen Harleygansert, die Kasse fĂĽhrt der Fotogansert Gernot Herbig, Schriftgansert ist der Schulgansert Gerhard GrĂĽnewald. Jedes Mitglied erhält bei der Taufe seinen persönlichen Gansertnamen, abgeleitet von Beruf, Hobby oder Wohngegend. Eine nachträgliche Ă„nderung des Namens kostet eine Runde, wie beispielsweise beim  Bratkartoffelgansert, der lieber Röstkartoffelgansert heiĂźen wollte.
Zu Vereinstätigkeit gehört unter anderem auch das Badbrunnenfest alljährlich am Vatertag. Dazu wird erst die Gänsegretel gebĂĽrstet und anschlieĂźend gefeiert. Hierbei sind  auch Frauen zu gelassen, vorallem die ganserteigenen zum Helfen. Der Erlös des Festes wird fĂĽr die Instandhaltung des Brunnens und der 1964 vom Verein aufgestellten Steinfigur der  Gretel verwendet. FĂĽr dieses Jahr steht ein neuer Brunnentrog auf dem Plan, da die alten die Spuren der Zeit zu deutlich zeigen. Bei der Finanzierung können die BĂĽrger helfen, denn speziell zum Jubiläum entwarf Ordensgansert Kurt Eichhorn ein Anstecknadel. In limitierter Auflage von 500 StĂĽck ist sie im “Eck” und einigen weiteren Gasthäusern erhältlich. Auch neue Kutten gab es in  diesem Jahr, aus den alten waren die Ganserte herausgewachsen, die neuen sind sicherheitshalber nach auĂźen tailliert.
Zu bewundern sind die Erbacher Ganserte im neuen Outfit –  derzeit sind es 42 an der Zahl – beim diesjährigen Jubiläums-Wiesenmarktumzug mit Gänsegretel und Gänsen. Und natĂĽrlich nächstes Jahr wieder beim traditionellen Umzug am 2. Januar.
Sie war wirklich ein Luder, diese Gänsegretel – und zwar ein erfolgreiches. Immerhin hat sie es geschafft, dass nach 175 Jahren noch immer von ihr gesprochen, geschrieben und gesungen wird. Das sollen ihr die Luder von heute erst mal nachmachen – aber von denen hat es ja noch keine in Erbach probiert.  

UND WIE LĂ„UFT SO EIN ABEND DES 2. JANUAR AB?

Eines der letzten groĂźen Geheimnisse Erbachs ist gelĂĽftet! Anlässlich ihres 175-jährigen Jubiläums im Januar 2002 gaben die  Ganserte des Gänsegretelvereins Einblick in ihr bislang der Ă–ffentlichkeit verborgen gebliebenes, geheimnisvolles Treiben in ihrem Gänsestall am Jahrestag ihrer VereinsgrĂĽndung.
Dem voraus ging jedoch der traditionelle Umzug mit Fackeln und Gesang durch die Altstadt. PĂĽnktlich um 19 Uhr verlieĂźen die  Ganserte in ihren neuen weiĂźen Kutten und Feder im Haar ihren Gänsestall im “Eck” und ĂĽber Eis und Schnee ging es Richtung Marktplatz. Die Ganserte schnatterten ihr GruĂź “Gi-Ga-Ga-Gack”, die Zuschauer und Anwohner gackerten zurĂĽck. Vom Schloss  herunter gickelte der Nachwuchs, während das erwachsene Federvieh seine obligatorischen drei Runden um das Denkmal des Ahnherrn absolvierte. Das war in diesem Jahr nicht so  einfach, den Graf Franz ist von hohen Schneehaufen umzingelt. Angesichts dieser Hinternisse war es verständlich, dass mancher Ganstert glaubte, nach der zweiten schon die dritte Runde geschafft zu haben.
Weiter ging es zum Umtrunk an der Schlosswache und durch das Städtel zum Badbrunnen. Dort, am Denkmal der Gänsegretel, erfolgte die Taufe der beiden Jungganserte. Kanzelgansert Ingo Stegmüller und Morsegansert Bernhard Schlörit hatten zuvor im Gänsestall bereits die erste schwere Aufnahmeprüfung zu bestehen: Jeder für sich allein, auf einen Stuhl stehend, musste das Gänsegretellied singen – und nachden der Zuchtgansert die Köpfe der beiden in das eiskalte Brunnenwasser getaucht hatte, waren sie offizielle Mitglieder des ehrenwerten Vereins.
Dann folgte der geheimnisvolle Teil des Abends. Die Ganserte zogen sich in ihren mit Stroh ausgelegten Gänsestall – eigentlich das Nebenzimmer des Gasthauses “Zum Eck” – zurĂĽck. Fremde  oder gar Frauen hatten keinen Zutritt, mit Ausnahme der Kellnerin und dieses Jahr ganz ausnahmsweise der Presse. Der erste geheimnisvolle Akt der Ganserte betraf das Vertilgen von Gänseschlegeln mit Knödeln und Rotkohl – und das ganz gesittet mit Messer und Gabel und ohne besondere Vorkommnisse. AnschlieĂźend war die schwierige Aufgabe zu bestehen, sämtliche Lieder des Gänsegretel-Liederbuchs abzusingen.
UnterstĂĽtzung in Form musikalischer Begleitung erhielten die Ganserte dabei von Peter Schmidt (Amorbach) und seinem Akkordeon. Sie sangen von schwarzen Zigeunern, grĂĽnen Tälern, hohen Bergen, stĂĽrmischer Seefahrt und natĂĽrlich immer wieder  das Gänsegretellied. Dieses auch auf Chinesisch, was sogar den asiatischen Koch des Gasthauses aus der KĂĽche lockte. Allerdings verstand er kein Wort, aber er stammt ja auch aus Thailand. Jedoch gleichgĂĽltig in welcher Sprache, mit ihrer stimmlichen Kapazität könnten die Ganserte auch leicht als Gesangsverein Furore machen. Ansonsten wurde getrunken, geschnattert und viel gelacht. Zum Beispiel ĂĽber einen Gansert, der auf besondere Art und Weise Ă–ffentlichkeit herstellte. Er hatte seinen Kampf mit einem Brett, welches das Nebenzimmer  vom Gastraum trennen sollte, es aber vorzog, dem armen Gansert ständig in den RĂĽcken zu fallen. Auch die Erklärung des Ordensgansert Kurt Eichhorn, was “Wibbele” seien, sorgte fĂĽr Stimmung, denn schon beim Umzug war als Antwort aus das “Gi-Ga-Ga-Gack” ständig “Wiwwiwwi” zu hören. “Wibbele” werden ganz junge Gänse genannt und akustisch nahmen diese Rolle einige Gansertfrauen ein.
Ab 23 Uhr vermischten sich Ganserte, Wibbele und andere Gäste, nach Hause ging es um halb, individuell zwischen spätem Abend und frĂĽhen Morgen. Das einzige Bedauern, das Obergansert JĂĽrgen Volk nach diesem ausgesprochen lustigen Abend äuĂźerte: Keiner der fĂĽnf GrĂĽndungmitglieder war zur Jubiläumsveranstaltung gekommen, “dabei haben wir sie alle auf Kosten des Vereins  eingeladen”. Offensichtlich haben die fĂĽnf Burschen die Schmach, von dem Luder Gänsegretel im Jahr 1827 veräppelt worden zu sein, doch nicht ĂĽberlebt.
Ăśberlebt hingegen und das völlig unbeschadet und um einige nette Erfahrungen reicher hat diesen geheimnisvollen Abend die Vertreterin der Ă–ffentlichkeit. Allerdings ist der Gänsegretelverein und der Gänsestall damit keinesfalls kĂĽnftig fĂĽr die Ă–ffentlich- und Weiblichkeit zugängig. Einmal Gans unter ganz vielen Ganserten zu sein, bleibt weiterhin die  ganz seltene Ausnahme und eine ausgesprochen hohe Ehre. DafĂĽr bedankt sich Odin ganz herzlich - natĂĽrlich mit einem dreifachen Gi-Ga-Ga-Gack.