Finkenbach 2004
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Finkenbach-Festival steht vor dem Aus 

Nach einem beängstigend schwachen Start kamen die Musikfans doch noch nach Finkenbach, aber es waren zu wenige 

 â€žDie kriegen das Festival noch kaputt!“ So lautete am Freitagabend die allgemeine BefĂĽrchtung bei Veranstaltern und Besuchern des Finkenbach-Festivals. Es war ruhig auf dem Gelände, die Besucherschar ĂĽberschaubar. Als Ursache dafĂĽr sahen alle die massiven Polizeieinsätze. Bereits am Vormittag durchkämmten größere Mannschaften aus Wiesbaden und Karlsruhe mit Hundestaffeln das Gelände, bis zum Abend gab es auf sämtliche ZufahrtstraĂźen intensive Fahrzeugkontrollen. Die nun seit einigen Jahren unverhältnismäßig hohe Polizeipräsenz hat fĂĽr einen starken RĂĽckgang der Besucherzahl und damit auch der Einnahmen gesorgt. Am Freitag schien es, als sei das Ende des Festivals gekommen.
Aber davon war 24 Stunden später keine Rede mehr, zumindest sah es deutlich besser aus. Den ganzen Tag über war nicht eine grüne Uniform zu sehen, nur die üblichen Beamten in Zivil – und ein Anruf der Polizei sorgte sogar für Erleichterung bei den Veranstaltern: Eine Autoschlange rollte vom Badischen gen Finkenbach und auch aus dem Norden strömten die Besucher herbei und das Gelände füllte sich fast wie in guten alten Zeiten.
Hauptursache dafür war ein junger Mann namens Tilmann Otto, besser bekannt als „Gentleman“. Der Echo-Award-Gewinner 2003 und Pendler zwischen Köln und Kingston/Jamaika brachte mit seiner „Far East Band“ die Massen zum Toben. Irie-Feeling stand auch schon zuvor auf dem Programm, mit den „Busters“, den deutschen Ska-Königen, für viele Besucher der eigentliche Top-Acts des Tages. Vor der Bühne wurde des Ska gekickt, wie im Vorjahr bei „Dr.Woggle“, der sich diesmal unter den Besuchern befand.
Jobarteh Kunda, eine percussionslastige afrikanische Formation, heizte zuvor schon tüchtig ein. Überraschend gut und rockig präsentierte sich auch der Opener des Tages, „Radio Campfire“ aus Essen. Eine weitere eingeplante Gruppe kam nicht zum Zuge: „Mic“ war zwar pünktlich in Finkenbach, allerdings in Finkenbach in der Pfalz. Den Schlusspunkt setzten am Samstag „Lover 303“, ein Projekt von Guru Guru-Frontmann Mani Neumeier mit reichlich Electronic, und eine fulminante Feuershow.
Der Freitag begann keltisch-folkloristisch mit „Dhalia“, bevor Rolf Stahlhofen und Band im typischen Sound der Söhne Mannheims einen Mix aus HipHop, Soul und Blues servierten. Anschließend waren die Mitbegründer des Festivals dran: Zum 24. Mal standen Mani Neumeier und seine Mannen auf der Bühne im Tal, haben aber in all den Jahren nichts von ihrem Reiz verloren und faszinieren nach wie vor mit ihrem Krautrock. Der erste Abend endete mit Party und der entsprechenden Musik von „Lava“. Diese Coverband drückte den Hits von gestern und heute mit dem Reggae-Rhythmus ihren persönlichen Stempel auf.
Hervorragende Arbeit leisteten wieder die „gelben Samis“, der sympathische Sicherheitsdienst, der den Anreiseverkehr regelt. Einen zeit-, aber nicht arbeitsintensiven Job hatten die Rotkreuzhelfer: Lediglich Insektenstiche, kleine Blessuren und die Folgen von Schusseligkeit wie Verbrennungen oder auch eine gebrochene Rippe gab es zu verarzten.
Neu war dieses Jahr ein professioneller Catering-Service. Die Preise blieben zwar moderat, mit Ausnahme des Wichtigsten bei den heißen Temperaturen: Wasser war deutlich teuerer als Bier und andere alkoholische Getränke. Mama Friedrichs Grünkernbratlinge wurde schmerzlich vermisst, ebenso die leckeren Maultaschen. Auch an der Professionalität kamen leichte Zweifel auf: Als die Finkenbacher die Verpflegung noch selbst machten, ging es deutlich schneller, irgendwie professioneller. Professionalität legten die Einheimischen auch hinsichtlich Bühne und Technik an den Tag: Auf der größten Finkenbach-Bühne aller Zeiten wurde das Geschehen von mehreren Kameras gefilmt, und direkt aufbereitet auf die Bühnenleinwände übertragen.
Am Sonntag traten die OrdnungshĂĽter noch einmal massiv in Aktion und kontrollierten den ganzen Tag ĂĽber all jene, die sich im Tal vor der Heimfahrt noch ausgeschlafen haben. Wer nachts den Heimweg antrat, hatte dies paradoxerweise nicht zu befĂĽrchten.
Das Finkenbach-Festival hat sich in den letzten Jahren verändert, die Freaks von weiter her sind weniger geworden, dafür kommen inzwischen mehr Gäste aus der näheren Umgebung. Eines blieb unverändert: Das 24. Festival war ebenso friedlich wie seine Vorgänger. Am Samstag hofften die örtlichen Vereine als Veranstalter ebenso wie Bürgermeister Hans Heinz Keursten, dass auch in Wiesbaden und Karlsruhe endlich die Harmlosigkeit des Festivals erkannt wird, die Polizeieinsätze auf ein Normalmaß zurück geschraubt werden und das Festival weiter existieren kann.
Aber der Kassensturz am Montag war ernüchternd und führte zu dem Ergebnis, dass die örtlichen Vereine das finanzielle Risiko künftig nicht mehr tragen können. Derzeitiger Stand der Dinge: Das 24. Finkenbach-Festival war auch das letzte. Daran könnte nur ein Sponsor, der das Risiko übernimmt, etwas ändern. Nur: So lange die Polizei dieses überzogene Programm fährt, wird dieses Risiko niemand eingehen wollen.

Mit Kanonen auf Spatzen geschossen

Das Finkenbach-Festival gibt es nicht mehr - Besucherrückgang, bedingt durch massive Polizeieinsätze, brachte das Aus

Die Bewohner der kleinen Rothenberger Ortsteils trauern und mit ihnen tausende von Musikfans in ganz Deutschland und sogar dem benachbarten Ausland. Das legendäre Finkenbachfestival, das im kommenden Jahr zum 25. Mal über die Bühne im Tal gegangen wäre, gibt es nicht mehr. Der Veranstalter, der örtliche Fußballclub, hat resigniert das Handtuch geworfen. Diese Entscheidung fiel Anfang der Woche, unmittelbar nach Auswertung des diesjährigen Festivals. Nur noch 3500 Gäste kamen dieses Jahr ins Tal, was dem Verein nun schon zum zweiten Mal rote Zahlen bescherte. „Wir können das finanzielle Risiko nicht mehr tragen“, erklärt Vorstandsmitglied Armin Löffler und gemeinsam mit Peter Hommen Hauptorganisator des Festivals.
Es war die vierte Veranstaltung in Folge mit deutlichem Besucherrückgang. Die Ursache dafür: Die seit 2000 praktizierten, massiven Polizeieinsätze, die dieses Jahr ihren Höhepunkt erreichten. „Zeitweise war das Dorf regelrecht umzingelt, an sämtlichen Zufahrtsstraßen standen mehrere Einheiten“, berichtet Bürgermeister Hans Heinz Keursten. Bereits am Freitagvormittag durchkämmte eine Hundertschaft mit Hunden das Festivalgelände. Einzelne Festivalgäste klagten, dass auch ihre Zelte nicht verschont blieben.
Anreisende Besucher, ob Drogenkonsumenten oder Abstinenzler, gerieten in die Kontrollen. Im harmlosen Fällen kam es zur Überprüfung der Personalien und Durchsuchung des Autos – unangenehm war der rüde Befehlston der mit Anfang 20 recht jungen Beamten. Für andere Gäste kam es heftiger: Schon das Mitführen von Zigarettenblättchen führte dazu, dass sich junge Leute vor den Polizisten nackt ausziehen mussten. Ähnlich gut bewacht erfolgte auch die Abreise. Allerdings gerieten nicht diejenigen, die nachts noch nach Hause fuhren, in die Kontrollen, sondern all jene, die sich im Tal ausschliefen und am Sonntag den Heimweg antraten. Am Festivalsamstag hielten sich die Uniformierten zurück. Aber Zivilbeamte waren reichlich unterwegs und begleiteten sogar den Shuttlebus auf seinen Fahrten.
Insgesamt befanden sich bei diesem Einsatz 350 Beamte im Einsatz, 100 aus Baden-Württemberg, 250 aus Hessen – auf zehn Festivalbesucher kam somit ein Polizist. „Solch ein massiver Einsatz bei anderen Festen wie dem Wiesenmarkt – und im nächsten Jahr käme kein Mensch mehr“, so der Bürgermeister. Initiiert wurden diese Einsätze 2000 von badischer Seite, nachdem in einem Heidelberger Szene-Magazin Finkenbach in Sachen Drogen zur gesetzesfreien Zone erklärt wurde. Das stimmte zwar nicht, denn in all den Jahren war die Erbacher Polizei mit Zivilbeamten auf dem Festival präsent und wusste auch wie friedlich und gewaltfrei es dort zuging. Natürlich wird in Finkenbach Haschisch und Marihuana konsumiert, aber nicht mehr als auf anderen Festivals auch, zudem sind harte Drogen dort tabu. Übergeordneten Stellen entschieden schlussendlich über diese massiven Kontrollen und das Festival geriet zum „Truppenübungsplatz“ für Polizeischulabsolvente.
Warum nach der eher geringen Ausbeute der vergangenen Jahre, unzähligen Gesprächen zwischen Veranstalter und Polizei im Vorfeld und der Erfüllung von Auflagen – wie beispielsweise Umgestaltung des Plakats – die Kontrollen von hessischer Seite noch anstiegen, ist vielen ein Rätsel. Die Antwort könnte beim neuen Darmstädter Polizeipräsidenten Gosbert Dölger, einem bayrischen Spezialisten in Sachen Drogenfahndung, zu finden sein.
„Hier wurde mit Kanonen auf Spatzen geschossen und dabei ein Stück Odenwälder Kulturgeschichte zerstört“, erklärte der Bürgermeister. Mani Neumeier, Guru-Frontmann und Mitbegründer des Festivals, zeigte schon am Wochenende Resignation. „Hinter mir sind sie auch her, ich hab mich gestern Nacht durch den Wald heimgeschlichen“, berichtete er. „Die führen sich hier auf, als jagten sie Osama bin Laden!“ Manis Konsequenzen: Er denkt ernsthaft über eine Umsiedelung nach Japan nach.

Als Feuerwehrfest fing es an

Ohne das Festival wäre Finkenbach deutlich ärmer – auch an öffentlichen Einrichtungen

Es war 1976, als ein Fest der Finkenbacher Feuerwehr zu scheitern drohte, weil die Kapelle kurzfristig absagte. Spontan boten vier Wahl-Finkenbacher ihre Hilfe an. Dabei handelte es sich um Mani Neumeier und seine Band Guru Guru. Die für ein Feuerwehrfest recht ungewöhnlichen Klänge kamen bei den Besuchern so gut an, dass Mani Neumeier und Wilhelm Hotz, der inzwischen verstorbenen, damaligen Feuerwehrhauptmann, für das nächste Jahr eine Fortsetzung planten. Das Finkenbach-Festival war geboren.
Hippies aus ganz Europa zog es in den Folgejahren für ein Wochenende im Juli ins Tal, die Besucherzahlen wuchsen stetig an und als die Grenze von 10.000 überschritten wurde, drohte das kleine Dorf zu kollabieren. 1984 wurde das Festival eingestellt, um 1988 neu aufzuleben. Seitdem lockte alljährlich der Guru – und die Massen zogen gen Finkenbach. Eine gravierende Neuerung griff im Jahr 2000: Der veranstaltende Verein engagierte einen Security-Dienst SAM zur Regelung des Verkehrs. Zuvor war stets das ganze Dorf zugeparkt, so dass sich die Odenwälder Polizei um die Rettungswege sorgte. Die sympathischen „gelben Samis“ brachten schon bei ihrem ersten Einsatz Ordnung in das Chaos. Zwei Jahre später wurde das Veranstaltungsgelände vom alten Sportplatz auf die Wiese am südlichen Ortsausgang verlegt, wo das Festival bereits in den Siebzigern seine Erfolge feierte.
Das Finkenbach-Festival war bundesweit bekannt als das Festival mit dem besonderen Charme, eingebunden in ein kleines, freundliches Dorf. Ganz Finkenbach wirkte bei den Veranstaltungen mit. Hunderte von Kuchen wurden gebacken und die Finkenbacher ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen, um ihre Gäste zu bewirten. „Mama Friedrichs“ Grünkernfrikadellen kennt längst jeder Festivalbesucher. Die Kinder besserten die Kasse der FC-Jugend mit dem Verkauf von Plakaten auf, die älteren Frühaufsteher des Ortes sammelten morgens den Müll ein. Einfach jeder in Finkenbach war eingebunden und fühlte sich als Gastgeber. Bemerkenswert war stets der freundliche, tolerante Umgang miteinander. Nie in all den Jahren gab es Auseinandersetzungen und Gewalt, niemals größere Verletzung oder drogenbedingte, medizinische Vorfälle.
Auch wirtschaftlich war das Festival für den Ort von Bedeutung. Für den kleinen Lebensmittelladen – nach der Veranstaltung stets restlos ausverkauft – war eine wichtige Existenzgrundlage, ebenso für die Lieferanten wie Getränkehändler, Metzger und Bäcker sowie die örtliche Gastronomie. Das Bedeutendste jedoch: In Finkenbach entstand ein neues Feuerwehrhaus. Der Fußballclub kickt auf einem Rasenplatz, um den ihn viele Vereine beneiden. Vor zwei Jahren wurde das neue Sportlerheim eingeweiht, ein multifunktionales Dorfgemeinschaftshaus, das sich sehen lassen kann. All das und noch viel mehr wurde zum Wohl des Dorfes aus den Einnahmen des Festivals finanziert.
„Stets wird geklagt, dass ehrenamtliches Engagement stark rückläufig ist, in Finkenbach funktionierte es noch – und zum Dank werden die Leute kriminalisiert“, gibt Bürgermeister Hans Heinz Keursten zu bedenken. In Finkenbach ist mehr zerstört worden, als nur eine Musikveranstaltung. Manch einem ging auch das Vertrauen in diesen Staat abhanden.